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Zehn Dinge

Die Euro-Krise geht, zumindest journalistisch, offenbar ins Sommerloch: Leider kann man nicht mehr jede Woche über einen Krisengipfel berichten, und seit Draghi’s OMT-Bekanntgabe ist der Spaß am kolportieren immer neuer Nachrichten über Zinsen am Anleihenmarkt wohl auch geschrumpft. Sogar “die Griechen” sparen. Daher gibt’s jetzt ein neues Lästeropfer: Frankreich.

Was man halt so weiß über unser Nachbarland, das wird dann gerne zusammengematscht zu einem Brei, den der deutsche Michel nicht goutieren mag - die 35-Stunden Woche, großzügiger Sozialstaat, hohe Jugendarbeitslosigkeit, sozialistische Regierung die gleich mal das Rentenalter gesenkt hat.

Nunja - ich lasse mal dahin gestellt, ob das alles so stimmt. Immerhin kommen Firmen wie Bosch und BMW prima mit der 35-Stunden-Woche durchs Geschäftsjahr, und unser Sozialstaat gießkännelt über hundert wirkungsarme Familienleistungen übers Land - und die Strukturreformen die wir alle so toll finden, hat eine “Linke” Regierung gemacht. Es seien aber anläßlich des mittlerweile modischen Frankreich-Bashings mal ein paar Dinge aufgezählt, die wir Deutsche von der “Grande Nation” (in Frankreich nutzt übrigens keine alte Sau mehr dieses Wort..) lernen können:

  1. Ein Schnellzug heißt Schnellzug, weil er schnell am Ziel ist - nicht weil er schnell wieder anhält. 3h30 für Paris-Montpellier (über 700 km) kein Problem - während wir Deutsche im Jahr 2012 unser “Verkehrsprojekt deutsche Einheit” immer noch nicht fertig haben und man fünfeinhalb Stunden von München nach Berlin braucht.
  2. Kinder sterben nicht, wenn man sie in eine ordentliche Krippe mit ordentlichem Personal gibt. Sie lernen Dinge, die sie daheim nicht lernen könnten, und werden - auch MIT Krippenbesuch - zu absolut gesunden, glücklichen Menschen.
  3. Eltern, insbesondere Frauen, sind keine Rabeneltern oder -mütter, wenn sie Vollzeit arbeiten. Der “Konflikt” zwischen Beruf und Kind ist kein biologischer, sondern ein sozialer.
  4. Es ist unanständig, Löhne zu zahlen von denen man nicht wenigstens seine Miete zahlen und was zu Essen kaufen kann. Deswegen ist es kein böser Sozialismus, Dirigismus, interventionismus oder sonst ein -ismus, wenn der Staat hier eingreift. Wenn’s unbedingt mit einem Wort mit “ismus” bezeichnet werden soll, dann schlage ich vor: Humanismus.
  5. 45 Minuten sind zu kurz für eine Mittagspause.
  6. 18 Uhr ist zu früh für’s Abendessen
  7. Eine Rente, von der ein Durchschnittsverdiener nicht mehr leben kann, ist keine. Merke: Selbst in unserem demographiegeplagten Land wäre mit einem schrittweisen Anheben des Beitragssatzes in Richtung 23% das Rentenniveau halbwegs haltbar. Frankreich hat ein wesentlich kleineres Demographieproblem, und einen Beitragssatz von 25% - davon lassen sich vernünftige Renten grundsätzlich durchaus finanzieren. (Merke: Das gesetzliche Renteneintrittsalter in Frankreich ist 67 (vor Sarko: 65) Jahre, NICHT 60, wie man immer wieder liest (Man kann fünf Jahre früher gehen, wenn man erhebliche Abschläge in Kauf nimmt. Also ganz ähnlich wie bei uns.))
  8. Stellt man Ehe und eingetragene Lebenspartnerschaften gleich, rechtlich wie steuerlich, löst dies nicht den Untergang des Abendlandes aus.
  9. Das Ehegattensplitting ist keine Familienförderung. Wer sich Ideen holen will, wie man ein Einkommensteuersystem familienfreundlich gestaltet, kann sich unter impots.gouv.fr  eine ganze Reihe vernünftiger Ideen abholen.
  10. Das Modell “Bürgerversicherung” für die Krankenversicherung funktioniert, und ist nicht wirklich teurer, aber wesentlich gerechter als unser “Extrawurst-für-Beamte”+“gesetzliche KV”+"alles privat"-System.
Wohlgemerkt: Frankreich hat durchaus gravierende strukturelle Probleme, und man wird sehen müssen, wie damit von der Politik umgegangen wird. Man sollte aber keinesfalls den Fehler machen, die deutsche Hartz-Soße unmodifiziert zu exportieren. Liebe Landsleute, seht Euch vor - es ist gar nicht mal so unwahrscheinlich, daß wir die Franzosen in nicht allzulanger Zeit um ihr modernes Staatswesen, ihre fantastische Infrastruktur, ihre Lebensqualität am Arbeitsplatz und im Privaten, und nicht zuletzt um ihren sozialen Frieden beneiden werden.

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