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Wieder was gelernt - zu #sexismus und #aufschrei

Der Herr Brüderle hat mit seinem Verhalten schlußendlich etwas ausgelöst, was er sicher nie beabsichtigt hatte: Es wurde öffentlich, Deutschland redet endlich mal über alltäglichen Sexismus, nicht zuletzt weil auf Twitter unter den Hashtags #aufschrei und #sexismus fleißig alltägliche Situationen getwittert wurden und werden, die eben genau davon handeln: vom Sexismus im Alltag. Das reicht von Grapschereien über Nötigung bis zu mehr oder minder subtilen Situationen im Job (“Sie sind die Sekretärin? Nein, die Projektleiterin, verdammt!”). 

Ich bin keine Frau, habe mir aber erlaubt, mitzumachen. Warum? Weil Sexismus alle angeht, ganz besonders der im Alltag, weil es mit Sicherheit kein spezifisches Frauenproblem alleine ist (sondern eines, das die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit angeht), und weil es auch nicht nur Frauen betrifft. 

Konkret waren das folgende Tweets von mir:

  1. Dann wollnwirmal: Die Supermarktverkäuferin, die nach Eiern gefragt grinsend auf meine Hose deutet. (Link)
  2. Die ganzen Kinder- & Babygruppen, zu denen man als Berufstätiger/Vater nicht kann, weil mitten in der Woche vormittags (Link)
  3. Die gut gemeinten, einem jede Kompetenz absprechenden Ratschläge, d man als Vater ständig bzgl d eigenen Kindes kriegt (Link)
  4. Der dumme Herrenwitz, bei dem keiner verstehen mag, warum man nicht mitlachen möchte (Link)
  5. Das #Ehegattensplitting das einen im diese scheiß Ernährerrolle drängeln will (Link)
  6. Bank, die Immobilie nicht finanzieren mag, weil man nicht glaubt d. nach der Hochzeit weiter 2 Einkommen da sein werden (Link)

Die Reaktionen waren und sind spannend:


  • zum 2. Punkt durfte ich hören,
    • ich solle halt Elternzeit nehmen, oder Urlaub;
    • mir wurde unterstellt ich würde mir wohl für Fußball und Karneval frei nehmen, aber nicht für meine Kinder,
    • und zudem hätte ich von Elternzeit eh keine Ahnung (übrigens ein schönes Exemplar der Dinge, die ich mit Tweet 3 meinte).
  • zu 5. wurde mir erklärt, der Ernährer sei ja nicht zwangsläufig der Mann, daher sei das Ehegatttensplitting kein Sexismus
  • neben der genannten unterstellten Inkompetenz durfte ich mir erklären lassen,
    • ich wolle mich nur wichtig machen
    • und betreibe Wortklauberei
  • to be continued

Das alles übrigens, ebenfalls lehrreich, von Frauen. Ich erlaube mir daher auszuführen:

  • insbesondere zu 2.: 
    • Ja, ich hätte auch “Berufstätige(r)/Vater” oder “BerufstätigeR/Vater” schreiben können. (Das wäre immer noch nicht verkehrt gewesen; ich wollte aber den Umstand herausstellen, daß dieses Phänomen in praxi weit überweigend Männer betrifft, weil nunmal das den sexistischen Aspekt des Sachverhalts ausmacht, um den es mir ging.)
    • Die Veranstaltungen für unseren Sohnemann z.B. liegen systematisch so, daß man als berufstätiger Mensch mit üblichen Bürozeiten da nie hin kann. Das betrifft weit überwiegend Männer, den Fakt darf man ruhig mal so stehen lassen [auch wenn man ihn gerne ebenfalls als Beispiel für die Folgen alltäglichen Sexismus ansehen darf], und es ist m.E. ein ziemlich deutsches Problem (paar Meter weiter von hier über die Grenze sieht das auch nicht perfekt, aber sehr viel besser aus).
    • Der Verweis auf Elternzeit oder Urlaub geht völlig am Thema vorbei - man kann, wie das Beispiel Frankreich zeigt, das Problem auch einfach konsequent vermeiden.
    • Elternzeit gibt’s nur bis zum max. 14. Lebensmonat (was macht man danach?), nicht jeder kann oder will die Elternzeit in Vollzeit nehmen, und der Verweis auf Urlaub ist wirklich komplett lächerlich. (Alleine für das Babytreff hier bräuchte man rund 50 Tage Urlaub im Jahr. Aber der Punkt ist doch: Warum erzeugt man überhaupt einen Konflikt zwischen Arbeit und Kindern.)
    • Der Punkt für mich ist: Es ist absolut vermeidbar, es betrifft weit überwiegend Männer (und ja, natürlich auch berufstätige Frauen, insbesondere die in Vollzeit). Für mich ist das Sexismus; wer mag darf gerne noch ein Attribut a la “auch”, “eine Form von”, “latenter”, o.Ä. hinzufügen. Be my guest. 
  • zu 5.: Das Ehegattensplitting sabotiert subtil partnerschaftliche Verantwortungsübernahme in einer Familie. Egal wer dann der “Ernährer” ist, Mann oder Frau. Diese Subventionierung der Allein/-Zuverdienerfamilie gehört abgeschafft und ist für mich ein schönes Beispiel für alltäglichen Sexismus.
  • summa summarum:
    • Die Reaktionen folgten meist genau dem Muster, dem der Sexismus in die andere Richtung auch folgt, grade im Beruf: Man unterstellt explizit oder implizit mangelnde Kompetenz ("Die (f) kanns halt fachlich nicht so gut“ / ”Er (m) hat halt von Elternzeit etc. nicht so viel Ahnung"),
    • man spricht einem automatisch und qua Geschlecht den echten WIllen ab (“Sie (f) beißt sich halt nicht durch in die Führungsposition” / "Er (m) nimmt sich bestimmt Urlaub für Fußball, der will ja gar nicht wirklich zu den Kindertreffs" => Er/Sie ist ja selber schuld),
    • "Das Problem haben alleinerziehende Männer auch“ / ”Das Problem haben berufstätige Frauen ja auch" => ist ja gar kein Sexismus).
    • Kurz gefaßt: Er/Sie kanns nicht, Er/Sie wills ja eigentlich gar nicht, plus Relativierung und Haarspalterei (“ist ja kein Sexismus” and friends).
Nota bene: Wenn durch eine Handlung oder einen Umstand weit überwiegend Angehörige eines Geschlechts schlechter gestellt sind als die des anderen, dann ist das für mich eine Form von Sexismus, auch und gerade wenn sich Beispiele finden lassen, wo Handlung oder Umstand beide Geschlechter betreffen. Das darf man oder frau gerne anders sehen - mir deswegen Wortklaubereit und Wichtigtuerei vorzuwerfen ist schon drollig. Und meine Beteiligungen an derartigen begrifflichen Spitzfindigkeiten hiermit beendet.

Trackbacks

truc de ouf am : Eltern/Zeit, Eltern/Geld, Kinder/Geld

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Nach mittlerweile einem guten Jahr als Eltern in Deutschland dürfen wir, bzw. darf ich als Papa mal ein wenig diese Zeit Revue passieren lassen. Es gab und gibt da doch so einige Dinge, die mir oder uns sehr merkwürdig vorkommen, ja teilweise doch arg sau

Kommentare

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EAS am :

Wo du recht hast, haste recht... (1. ist ja voll auf der Linie vom Brüderle --- Frauen haben hier i.d.R. mehr/öfter was auszuhalten, v.a. weil es halt auch gefährlicher sein kann für Frauen --- d.h. aber nicht, dass es Männern nicht ebenfalls passieren kann 6. finde ich einfach einen Skandal Man könnte no hinzufügen, dass 7. ganze Generationen von Männern Wehr/Ersatz/Zivil/dienst leisten musstenn, ohne dass man das mal als Diskriminierung gesehen hat --- wobei ich mich als Frau schon auch diskrminiert gefühlt habe, wenn es zur Rechtfertigung dann hieß: “Frauen bekommen dafür ja Kinder / haben so viele andere Nachteile etc.” ich will nicht in so eine scheiß Bruststiller der Nation-Märtyrer-Frauenrolle reingedrängt werden 8. es eigentlich nur Frauenbeauftragte oder Frauen als Gleichstellungsbeauftragte gibt, aber keine Männerbeauftragten

David am :

Tja, die Liste läßt sich tatsächlich beliebig (naja, beinahe ;) verlängern. Aber leider ist der öffentliche Diskurs über Sexismus im Alltag wieder zu einer Debatte “Mann gegen Frau” verkommen, der meiner wahrnehmung nach doch arg häufig dem alten Schema von Mann=sozial eh’ ungeschickt/Depp/Machtausnutzer/Täter, Frau=höchstens Opfer, aber ganz sicher niemals Täter folgt. Was ungeheuer Schade ist, da hat die Gesellschaft als Ganzes wohl mal wieder eine Chance verpaßt.

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