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Eltern/Zeit, Eltern/Geld, Kinder/Geld

Nach mittlerweile einem guten Jahr als Eltern in Deutschland dürfen wir, bzw. darf ich als Papa mal ein wenig diese Zeit Revue passieren lassen. Es gab und gibt da doch so einige Dinge, die mir oder uns sehr merkwürdig vorkommen, ja teilweise doch arg sauer aufstoßen. Meistens teilen sich diese in einen allgemeinen Teil (politisch, finanziell, gesellschaftlich) und einen persönlichen. Bei Ersterem bemühe ich mich um Sachlichkeit, bei letzterem explizit nicht. Wem das nicht schmeckt, der muß es ja nicht essen. Also:

Elterngeld bzw. Elternzeit

Das Elterngeld wird einem regelmäßig als Wundermittel zur Partizipation von Vätern an der Babybetreuung und, weil ja an die Höhe des letzten Erwerbseinkommens gekoppelt, zur Förderung weiblicher Erwerbstätigkeit gepriesen. Es mag gerne sein, daß es ein Riesenfortschritt gegenüber dem war, was vorher existierte. De facto ist es aber nach wie vor so gebaut, daß einer (99% die Frau) 12 Monate daheim bleiben soll, und der Mann halt auch mal zwei Monate darf. Oder meinetwegen auch: “soll”.

Will man sich die Betreuung wirklich paritätisch als Eltern teilen und nimmt beide gleichzeitig Elternzeit&geld, kommt man maximal bis zum Ende des siebten Lebensmonats des Kindes - und dann? der Rechtsanspruch für einen Betreuungsplatz gilt erst ab 1 Jahr, und auch den kriegen die Städte ja nicht erfüllt. Und wenn man eben nicht komplett seine Erwerbstätigkeit unterbricht, sondern nach der Geburt in Teilzeit weiterarbeitet, ist man gleich doppelt gekniffen: Man hat nicht nur ordentlich Streß im Alltag, sondern neben den Einkommensverlusten auch noch exorbitante Kosten für die Kinderbetreuung. Und ist nach sieben Monaten eben auch wieder am Ende.

Fazit: Am besten fährt man, wenn wie gehabt die Frau gar nicht arbeitet, und der Mann halt auch mal zwei Monate daheim ist (und da was auch immer tut). Teilt man sich Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit von Anfang an paritätisch, bekommt man eine eher symbolische Hilfe, die gerade bei den so genannten Besserverdienenden den Gehaltsverlust nicht auch nur annähernd ausgleicht, plus eine Menge Streß im Alltag, und erhebliche Kosten. Es gibt keinen irgendwie gearteten Anreiz durch das Elterngeld in der derzeitigen Ausgestaltung, Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung von Anfang an unter den Eltern gleich aufzuteilen, und die finanziellen Möglichkeiten auf einen guten Teil ihres Gehalts zu verzichten plus hunderte von Euro pro Monat für eine Tagespflege zu bezahlen, dürfte in der Praxis kaum jemand haben.

Wir haben’s trotzdem gemacht, und stellenweise halt unseren Lebensunterhalt aus Erspartem bestritten. Ich würd’s auch jederzeit wieder so machen - zwei “Vätermonate” sind, mit Verlaub, ein Witz. Ein Kind hat zwei Eltern, von Anfang an. Jeden Monat. 

Krabbelgruppen und -veranstaltungen

...sind in Deutschland fast immer irgendwann tagsüber unter der Woche. Da kann kein Berufstätiger mithalten, und das trifft in der Praxis weit überwiegend die Väter. Für mich ist das Sexismus, genau wie Titel wie “Mutter-Kind-Gruppe” für Krabbelgruppen, wo man dann auf Nachfrage hören darf, daß man als Mann ja im Prinzip auch kommen dürfte.

Verdammt - was ist so schwer daran, wenigstens einen Termin für Sport, Musik, Schwimmen mit Kindern am Wochenende anzubieten!? Die anderen sieben Termine für die jeweiligen Angebote dürfen meinetwegen gerne weiterhin Mo-Fr 9-17h irgendwann liegen.

Die Babygruppe hieß hier immerhin “Babycafe”, nicht “Stilltreff” oder “Mutter-Kind-Treff” oder irgend ein anderer Titel aus den 50ern, für Neugeborene & bis 1-Jährige. In den ganzen Monaten habe ich da genau ein mal einen anderen Vater getroffen. Die Gruppe war immer Montag vormittags.

Kommentare

Mein Repertoire an gutgemeinten Ratschlägen und blöden Kommentaren, auf die ich gut verzichten kann, ist seit der Geburt unseres Sohnes explosionsartig gewachsen.  Das reicht von Zeitungskommentaren wie den unlängst von Norbert Blüm in der FAS, der der Meinung war, Väter könnten sich eben nicht um kleine Kinder kümmern (und der Untergang des Abendlandes drohe, weil Mütter jetzt schon arbeiten gehen, bevor ihre Kinder in der Pubertät oder darüber hinaus sind). Damit hat er sicher nicht mich oder uns persönlich gemeint, aber solches Zeug hört man in der einen oder anderen Darreichungsform regelmäßig.

Genau wie die verdrehten Augen, das “Oh Gott das arme Kind”, das “Ihr wißt ja gar nicht was Ihr dem Kind antut” etc. pp., wenn bemerkt wird, daß wir beide vier Tage pro Woche oder gar Vollzeit arbeiten, oder wenn man einen Säugling mal nicht nur im tüllverzierten Himmelbett im elterlichen Schlafzimmer einhegt, sondern eben auch mal auf eine Kutschfahrt durchs Wattenmeer mitnimmt. Oder die gutgemeinten Kommentare in Richtung Kind, wenn man als Papa in einem Zug mal eine Windel wechselt oder ein quengelnden Säugling füttert - “die Mama kommt ja gleich”. NEIN, die Mama liest jetzt ihr Buch, schläft, macht Pipi, ist arbeiten, oder was auch immer. Auch ein Mann kann eine Windel wechseln, und man braucht NICHT zwei Leute (oder unbedingt mindestens eine Frau), um eines Säuglings Herr zu werden. Wirklich.

Die mit Abstand unentspannteste Gruppe in dieser Hinsicht, zumindest mir gegenüber, waren übrigens Frauen ungefähr meiner Altersklasse. Ein paar der Erlebnisse hatte ich ja exemplarisch auch mal gebloggt, aber das ist bei weitem nicht alles. Wie man(n)’s auch macht, es ist nie recht: Arbeite ich vollzeitnah, lasse ich natürlich automatisch meine Frau mit dem Kind und der Hausarbeit im Stich, ohne weiteren Beleg, qua Geschlecht eben. Erzähle ich, daß meine Frau genauso viel oder wenig arbeitet wie ich, bin ich ein herzloses Schwein, weil ich der jungen Mutter die Intimität mit dem Säugling stehle (“ihr könnt es Euch doch leisten, ihr müßt doch gar nicht beide arbeiten, oder”?). Daß ich, genau wie meine Frau, jede Nacht aufgestanden bin um den Zwerg zu füttern, daß ich genau so viele Stinke- und sonstige Windeln gewechselt habe wie sie, daß ich meine Arbeitszeit auf genau ihr Niveau reduziert habe (oder sie auf meines) - das glaubt einem keine Sau, vielleicht noch gerade so den letzten Punkt.

Unser Sohn wird selbstverständlich bindungsunfähig, miserabel schlafen, oder ständig weinen weil Mama nicht immer für ihn da ist, oder oder oder. Ich warte noch darauf, daß mir jemand erzählt, der viele Kontakt mit seinem Windeln wechselnden, Breichen kochenden, Lieder singenden Papa macht ihn bestimmt mal schwul. Jo mei. Männer können, ja sollen auch nicht mit Babies, siehe Herr Blüm.

Im Allgemeinen ist mir das ziemlich wurscht. Die allergrößte Mehrzahl der Damen und Herren äußert sich positiv oder eben auch einfach gar nicht (mir durchaus auch sehr sympathisch). Trotzdem fällt’s auf, gerade im Kontrast zu dem hier ja sehr nahen Frankreich, oder zu meinen mir persönlich noch näheren Vorstellungen von Elternschaft. Meiner Meinung nach sollten wir Deutschen - und zwar Frauen und Männer - mal den Stock aus dem A.sch holen, was Kinder und Familie angeht. Die Welt dreht sich nach so einer Geburt weiter, und so schön es ist, sich mal eine Auszeit für die Familie zu gönnen, so sehr sollte man sich von Anfang an klar machen: Das Leben, einschließlich des Berufslebens geht weiter (wartet aber nicht auf einen), und je früher man wieder zur Normalität zurückkehrt, desto einfacher ist es für alle Beteiligten, inklusive der Kinder. Das sehen zumindestens die Westdeutschen auf breiter Front anders. Ein Ergebnis dessen können wir hier bestaunen.

Die Selbstverständlichkeit, mit der wir uns auf staatlichen finanziellen Subventionen ausruhen (Ehegattensplitting, beitragsfreie Mitversicherung von nicht arbeitenden Ehegatten in der Krankenversicherung, drei Jahre geschenkt bie der Rente, Kindergeld,.. zusammen 57 Milliarden Euro pro Jahr schwer), ist mir ein Rätsel. Und ich vermag z.B. überhaupt nicht einzusehen, warum zwei arbeitende Normalverdiener (2700 brutto im Monat) mehr in die Krankenversicherung blechen müssen als ein verheirateter, der alleine 2x2700=5400 brutto verdient, und damit die Kostenfreiheit des Ehepartners des letztgenannten subventionieren  - und zwar egal ob er Kinder hat oder nicht. Das ist aber leider Realität.

Ja wie denn nun?

Insgesamt sind mir meine LandsleutInnen erheblich zu unentspannt was den Umgang mit Kindern angeht. Es wird noch das kleinste Detail optimiert, ein absurder Druck auf Mütter ausgeübt was Stillen angeht, die Ernährung, die Ausgestaltung des Kinderzimmers und des Betts, den Kinderwagen, whatever. Wir sind als Gesellschaft viel zu oft absolute Detailoptimierungsfetischisten, und geraten schnellstens in extreme Verunsicherung, ja fast schon Panik. Und, sorry, die ist vielleicht zum Teil von “den anderen” gemacht, aber wie sehr man sich verrückt machen läßt, dafür ist man und frau schon immer noch selber verantwortlich.

Letzten Endes muß man sich in der eigenen Haut wohl fühlen, dann fühlt sich auch das Kind wohl. Wie man das anstellt, muß jeder selber wissen. Mit permanenten Ängstlichkeitsattacken oder jahrelangen Zwangspausen im Erwerbsleben (“ich würde ja gern arbeiten, aber es ist doch noch so klein..”) ist das nur bedingt zu erreichen. Und: Es ist ausgemachter Schwachsinn, daß Kinder schwul, psychopathisch, bindungsunfähig oder sonstwas “böses” werden, wenn sie schon vor ihrem ersten Geburtstag von mehr als einer Person (der Mutter) betreut werden.

Diesen Schwachsinn haben uns, mit Verlaub, die Nazis eingetrichtert (und in Westdeutschland nach dem Krieg dann in unschöner Kontinuität die Kirche), und wir kriegen ihn bis heute nicht aus der Birne. Und sterben vor Sorge (“wann kann ich denn wieder arbeiten..?” - auf die Frage gibt’s nur eine Antwort: Wenn Du’s willst. Dein Kind wird Dir nie sagen “du Mama, ab heute darfst Du wieder”, und diese Rolle steht ihm übrigens auch nicht zu, sondern liegt in der alleinigen Entscheidungskompetenz der Eltern). Wir sprechen von “weggeben” (in eine Kita oder zur Tagesmutter), wo sich andere Völker freuen, daß ihre Sprößlinge was erleben und nicht nur den ganzen Tag mit Mama daheim versauern. Wir reden von “fremdbetreut” - das Wort gibt’s im Französischen gar nicht, da würde man allerhöchstens von “professionell betreut” sprechen können, wenn überhaupt. Das Konzept, und auch das Wort “Rabenmutter” oder “Raben-sonstwas” ist etwas extrem Deutsches.

Und wir trauen Vätern kaum etwas zu - weder die kompetente Betreuung von Säuglingen, noch nehmen wir ihnen ab daß sie sich wirklich an Hausarbeit, Kindererziehung, Windelwechseln oder durchgemachten Nächten beteiligt haben, beteiligen wollen, oder beteiligen können. Wir schaffen zwar ein Dispositiv (Elternzeit + -geld), daß es ihnen erlaubt, zwei oder mehr Monate überhaupt nicht mehr zu arbeiten, aber wir haben im Jahr 2013 noch keinerlei Rechtssicherheit für Väter geschaffen, die bei der Geburt einfach nur Sonderurlaub nehmen wollen, ohne gleich alles monatelang stehen zu lassen. Und da, wo’s die Sicherheit einigermaßen per Tarifvertrag gibt, gestehen wir ihnen ein-zwei Tage zu, sofern das Kind freundlicherweise nicht an einem Wochenende kommt. Da sind die Franzosen z.B. mit ihrem “congé de paternité et d’accueil de l’enfant” mal wieder Lichtjahre voraus. Auf so eine simple Idee, die den Vätern und damit der ganzen Familie helfen würde kommt hier keiner, weil bei uns solche Themen stets mit der Mutter als alleiniger Hauptperson diskutiert werden.

Das alles ist ungeheuer schade, denn Eltern werden ist eine ganz und gar formidable Sache, bei der wir alle drei, Eltern wie Sohnemann, jeden Tag einen Heidenspaß hatten und haben. Geholfen hat uns mit Sicherheit die konsequente Verbannung von allem stock-ähnlichem aus dem Analbereich, das strikte Ersetzen von “darf ich denn?” “soll ich denn?” und “muß ich denn?” durch “einfach machen”, und der engen Orientierung an der Maxime: 50/50. Paßt.





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